Auf ein ehrliches Wort — mit dem Wind

  anco   Lesezeit: 5 Minuten

auf ein ehrliches wort — mit dem wind

von Bürgermeister Klemens Kowalski

Liebe Strasburgerinnen und Strasburger,
ich möchte heute offen mit Ihnen sprechen — über ein Thema, das viele von uns umtreibt: Windenergie in unserer Stadt. Kein Werbetext, keine Schönfärberei. Ein ehrliches Wort.
Und ehrlich heißt: Ich sage Ihnen nicht, was Sie denken sollen. Ich sage Ihnen, wie die Lage ist.

Fangen wir bei der Wahrheit an.
Unsere Stadt braucht Geld. Das ist keine Neuigkeit, aber es wird von Jahr zu Jahr drängender. Die Aufgaben, die wir als Kommune erfüllen müssen — Straßen, Schulen, Feuerwehr, Kitas, Verwaltung, Kulturhaus — bleiben gleich oder werden mehr. Das Geld, das vom Land und vom Bund dafür kommt, hält nicht Schritt. Die versprochene Gegenfinanzierung für neue Aufgaben funktioniert bis heute nicht sauber. Das ist kein Strasburger Problem allein — das geht allen Städten und Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern so. Wir kämpfen überall an vielen Fronten.
Was heißt das konkret? Wenn die Einnahmen nicht steigen, muss die Stadtvertretung irgendwann über Steuererhöhungen entscheiden. Das ist keine Drohung, das ist Haushaltsrecht. Ich bin als Bürgermeister verpflichtet, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Bleibt die Einnahmeseite leer, bleibt am Ende oft nur ein Mittel: höhere Steuern. Für uns alle.
Damit Sie es greifbar haben: Steigen die Kosten für unsere Pflichtaufgaben weiter und wachsen die Einnahmen nicht mit, gerät auch die Grundsteuer unter Druck — die Steuer auf das eigene Haus, das eigene Grundstück. Eine genaue Zahl nennt Ihnen heute niemand, und ich tue es bewusst nicht. Aber die Richtung ist klar: spürbar mehr, nicht weniger. Diese Entwicklung sollte jeder für sich persönlich mitrechnen.

Was hat der Wind damit zu tun?
Ein Windpark ist kein Allheilmittel. Er ist eine von wenigen Möglichkeiten, unsere Einnahmen zu verbessern, ohne den Bürgerinnen und Bürgern direkt in die Tasche zu greifen. Wie?
Ein Unternehmen, das hier Windräder betreibt, ist bei uns ansässig und wirtschaftet hier. Daraus entstehen für die Stadt mehrere mögliche Einnahmen. Erstens eine gesetzlich geregelte Beteiligung an jeder erzeugten Kilowattstunde — ein kleiner Betrag, der sich über das Jahr zu einer verlässlichen Summe addiert. Zweitens ein Anteil über das Bürger- und Gemeindebeteiligungsgesetz des Landes, das Kommunen und Menschen vor Ort an der Windenergie beteiligt. Und drittens, sobald das Unternehmen Gewinne erzielt, die Gewerbesteuer.
Eine punktgenaue Jahreszahl nenne ich bewusst nicht. Solche Beträge hängen von Anlagenzahl, Stromertrag, Strompreis und den konkreten Verträgen ab, und sie schwanken. Seriös lässt sich nur sagen: Es geht um regelmäßige Einnahmen in einer Größenordnung, die für einen Haushalt wie unseren wirklich etwas bewegt. Jahr für Jahr.
Das ist Geld, mit dem wir arbeiten können. Geld, das Steuererhöhungen abfedert. Geld, das in unsere Straßen, Schulen, in Feuerwehr und Kulturhaus fließt.
So nüchtern muss ich es Ihnen vorrechnen. Es ist meine Aufgabe.

Und doch.
Lassen Sie mich für einen Moment den Rechenstift weglegen.
Niemand muss Windräder schön finden. Ich finde sie nicht schön. Sie verändern das Bild unserer Landschaft — dieselbe Landschaft, in der ich am liebsten spazieren gehe, durch unsere Stadt und die Ortsteile, über die Felder, mit Blick zu den Brohmer Bergen. Wer dort steht, weiß, was wir hier haben. Und wer dort steht, ahnt auch, was sich verändert, wenn am Horizont die Rotoren stehen.
Das ist eine ehrliche Sorge. Ich teile sie. Und ich sage Ihnen offen: Niemand muss für Windräder sein.
Und damit Sie wissen, dass das nicht nur Worte sind: Bei der zweiten Beteiligungsrunde im Planungsverband, jetzt im Mai 2026, habe ich genau das angesprochen und kritisiert. Denn was sich abgezeichnet hat, ist eine über Jahre gewachsene Umzingelung — Windräder aus dem benachbarten Brandenburg, Windräder aus der Mecklenburgischen Seenplatte, ringsum am Horizont. An Strasburg wurde dabei schlicht vorbeigeplant. Wir hatten bislang keine Möglichkeit, uns dagegen zu wehren. Das habe ich offen ausgesprochen, weil es ausgesprochen gehört.

Reden Sie mit. Mischen Sie sich ein.
Wenn Sie das Thema ärgert, dann dürfen Sie das zeigen — und sollen es zeigen. Schreiben Sie einen Brief. Kommen Sie zu den Ausschusssitzungen. Stellen Sie Fragen, äußern Sie Bedenken, sammeln Sie Unterschriften, wenn es sein muss. Das ist Ihr gutes Recht.
Wird ein Windpark geplant, gibt es ein festes Verfahren mit Bürgerbeteiligung. Wir haben versucht, es in diesem Anzeiger transparent darzustellen. An mehreren Stellen können Sie sich einbringen. Dieses Recht ist nicht nur Theorie — ich fordere Sie ausdrücklich auf, es zu nutzen.

Denn am Ende entscheiden wir als Stadt gemeinsam, wie wir unsere Zukunft finanzieren. Mit dem Wind oder ohne ihn: Die Aufgaben bleiben, die Kosten steigen wie jedes Jahr. Die Frage ist nur, wie wir sie tragen — und wer am Ende dafür geradesteht.
Ich werde Sie für keine Meinung schief ansehen.

Glauben Sie mir nur das eine: Es gibt leichtere Zeiten, um Stadtvertreter zu sein.

Mit herzlichen Grüßen 
Ihr Klemens Kowalski