Warum der Erhalt des Schulstandortes Strasburg (Um.) (Uckermark) keine Frage des Geschmacks ist, sondern eine Frage der Verantwortung
Es gibt Entscheidungen, die trifft man nicht für ein Haushaltsjahr, sondern für eine Generation. Die Zukunft unserer Schulen ist eine davon. Worum es geht, ist schnell erzählt.
Ich habe das Thema Schulcampus im Frühjahr auf die Tagesordnung gesetzt — weil sich die Rahmenbedingungen geändert haben: neue Förderkulissen, neue Empfehlungen für den Schulbau, die diesen Weg heute stützen. Die Stadtvertretung wägt derzeit noch ab und sieht einen anderen Kurs: den Erhalt getrennter Standorte von Grundschule und regionaler Schule. Genau an dieser Frage arbeiten wir uns miteinander ab — und das ist gut so, denn sie verdient die Sorgfalt.
Die Zahlen aber sind eindeutig. Für die nächsten zehn Jahre reicht es bei uns gerade so für die Grundschule, für die regionale Schule reicht es nicht. Beide Standorte sind nur noch einzügig. Die regionale Schule ist über zehn Jahre nicht gesichert — und eine Schule, die nicht gesichert ist, wird irgendwann geschlossen. Dann bliebe Strasburg (Um.) ohne weiterführenden Schulstandort, übrig nur eine kleine Dorfgrundschule. Das ist keine Schwarzmalerei, sondern eine Möglichkeit, die wir sehr ernst nehmen müssen.
Wir haben das schon einmal erlebt
Strasburg (Um.) hatte einmal eine Berufsschule, eine Förderschule, ein Gymnasium. Alle drei sind geschlossen, und heute bedauert es jeder. Doch bedauern allein hat noch keine Schule zurückgebracht. Was diese Standorte gekostet hat, war nicht allein das Schicksal — es war oft dieselbe Abfolge: erst kleinrechnen, dann auslaufen lassen, dann feststellen, dass es nicht mehr zu retten war.
Diesmal aber ist es anders. Bei Berufsschule, Förderschule und Gymnasium lag vieles an Entscheidungen weit über uns. Diesmal haben wir es selbst in der Hand. Wenn der Standort trotzdem fällt, dann nicht, weil es nicht ging.
Getrennt bleiben kostet – und rettet nichts
Retten lässt sich der Standort zum Stand jetzt nur über einen Schulcampus, die Zusammenlegung von Grundschule und regionaler Schule. Diesen Weg sieht ein Teil der Stadtvertretung derzeit noch skeptisch — aus nachvollziehbaren Sorgen, die aber der haushalterischen Rechnung standhalten müssen.
Rechnen wir es vor. Die Sanierung der Grundschule kostet rund fünf Millionen Euro, je nach Kostenentwicklung auch sechs. Am Ende steht eine Schule mit vier Klassen. Vier Klassen. Sehr viel Geld für sehr wenig. Damit kein Missverständnis entsteht: Ein Campus bedeutet nicht das Ende der Roten Schule. Er lässt das Gebäude der regionalen Schule weichen, das ohnehin nicht mehr lange tragfähig ist. Die Rote Schule bleibt — sie gehört zu Strasburg (Um.) und wird sich mit neuem Leben füllen lassen. Nur für vier Klassen ist sie selbst viel zu groß und kostet uns am Ende mehr, als sie einbringt.
Bei der Regionalen Schule sieht es nicht besser aus. Führen wir den jetzigen Plan ohne Neubau und Sanierung fort und bleibt die Schule in der Einschätzung des Landkreises auf «blau» (5 Jahre gesichert), tragen wir die Kosten am Ende allein — ohne Fördermittel, da die Schule gefährdet ist. Dazu die Sporthallenfrage: Die Max-Schmeling-Halle als Schulsporthalle wäre dann weit geringer in Nutzung.
Geben wir unseren Standort auf, müssen wir die Schulen anderer Städte mitbezahlen. Selbst der Landkreis stünde schlechter da, weil er Busse quer durchs Land finanzieren müsste.
Wer den Standort isoliert sichern will, ohne Campus, muss den Strasburgern ehrlich sagen, was das heißt: zusätzliche Kosten von zwölf bis fünfzehn Millionen Euro. Beim Campus rechnet es sich umgekehrt: Dafür gibt es eine Förderkulisse von Land und Bund, die bis zu siebzig, in manchen Fällen bis zu neunzig Prozent der Kosten tragen kann. Diesen Weg trägt man uns nicht zufällig an — auf höchster Landesebene wurde er mir ausdrücklich und dringend empfohlen. Auf der einen Seite ein Alleingang, den wir fast allein bezahlen; auf der anderen ein Weg, bei dem der Löwenanteil von woanders kommt. Und das alles, während wir uns in der üblich bekannten schweren Finanznot der Kommunen befinden und schon vom Gesetz her verpflichtet sind, sparsam zu entscheiden.
Es fällt zudem schwer zu erklären, warum wir an anderer Stelle über fehlendes Geld sprechen, hier aber Millionen an Schulbauförderung ungenutzt lassen sollten. Beides zusammen passt nur schwer.

Was es für die Familien bedeutet
Bis hierher waren es Zahlen. Jetzt geht es um Menschen.
Heute gehen rund neunzig Prozent aller Strasburger Kinder hier vor Ort zur Schule. Fällt der Standort weg, fahren sie mit dem Bus nach Friedland, Ferdinandshof oder Pasewalk, je gut eine Stunde hin und zurück. Ja, das funktioniert irgendwie. Aber stellen Sie sich Ihr Kind vor, zehn Jahre alt, das morgens im Dunkeln an der Haltestelle steht und abends als eines der Letzten aussteigt. Wird es krank, muss es eine Stunde entfernt abgeholt werden. Gut, wenn man ein Auto hat und in der Nähe arbeitet. Das ist kein Leben, das man einem Kind oder Eltern zumuten möchte, wenn es auch anders ginge. Und es bleibt nicht bei Ihrem Kind — es trifft Ihre Enkel, Ihre Urenkel, jede Familie, die nach uns hier leben will.
Was wir wirklich verlieren
Mit der Schule verschwindet ein ganzes Netz. Wir verlieren die Sozialarbeit mit den Schulkindern und die Kinder- und Jugendarbeit überhaupt, denn am Nachmittag ist kein Kind mehr da. Wir verlieren einen sicheren Ort für Kinder aus schwierigen Familien — für manches ist die Schule der einzige verlässliche Platz. Der wäre dann weg, oder läge in einer anderen Stadt, wo niemand mehr sähe, wie es dem Kind wirklich geht.
Und es geht um konkretes Geld. Über die Max-Schmeling-Stiftung mit der Max-Akademie fließen jährlich rund 100.000 Euro in Sozialarbeit und Kinderangebote — Geld, für das die Stadt nichts tun muss. Das ist eine gewaltige Summe, die wir selbst nie aufbringen könnten; man denke daran, wie schwer uns schon ein Mietzuschuss von 6.000 Euro für den AWO-Jugendclub fällt. Die Max-Akademie ist in dieser Form einzigartig in Deutschland: Hier lernen Kinder tauchen, fliegen im Segelflugzeug, basteln, spielen Theater. So etwas findet man kein zweites Mal. Fällt die Schule, fällt dieses Geld — und ein Angebot, das kein Nachbarort ersetzt. Auch die Musikschule verlöre die Kinder, die nachmittags noch vor Ort sind.
Das Vereinsleben trägt die Folgen mit: Trainingszeiten müssten in den Abend rutschen, für viele Kinder zu spät. Die Auslastung der Max-Schmeling-Halle sinkt ohne Schulsport, die Gebühren steigen, am Ende zahlen die Vereine mehr. Auch Lehrkräfte verlieren wir — ein moderner Campus zieht sie an, kein Standort vor der Abwicklung. Und der Kinder- und Jugendbeirat wäre faktisch Geschichte, die Berufsmesse ebenso. Die Schüler könnten sich vor Ort beruflich nicht mehr orientieren, und unsere Unternehmen hätten keine Chance mehr, junge Leute zu gewinnen oder zu halten.
Wir arbeiten derzeit sehr wohl daran, den bestehenden Kurs zu stützen — wir analysieren Schülerzahlen, wir werben bis nach Brandenburg um Schüler. Strasburg (Um.) hat auch von seinem Umland gelebt. Aber dem Umland bietet man auf Dauer nur etwas, wenn man Qualität und Neues bietet. Wir versuchen neue Familien anzusiedeln, um die Kinderzahlen zu erhöhen. Wir versuchen auch durch Kunstgriffe eine Campuslösung zu kreieren, aber das ist alles ein Sonderweg, der es nur schwerer macht. Gemeinsam mit der Schulleitung der regionalen Schule stärken wir die Berufsorientierung, auch um Förderung für einen isolierten Regionalschulbau zu erreichen — doch dieser Weg ist mühsam und im Ausgang unsicher. Der gemeinsame Campus ist das Neue, mit dem wir überhaupt erst wieder etwas anzubieten haben und dieser wird gefördert.
Worum es jetzt geht
Zwei Standorte zu finanzieren, wenn das Geld nicht da ist, ist auf Dauer schwer durchzuhalten. Man wird Einwände hören. «Zu teuer» — dabei ist der Campus der günstigste aller Wege. «Später, nicht jetzt» — dabei entscheidet sich hier und heute, ob es überhaupt ein Später gibt. «Nicht allein unsere Sache» — dabei liegt diese Entscheidung tatsächlich bei uns. Jeder Einwand hat seinen Grund. Doch keiner hält am Ende der Rechnung stand. Und die «Grundschule»? Sie bleibt und wird den Strasburgern anders dienen.
Wer Geld sparen will, kommt am Campus kaum vorbei. Wer den Schulstandort erhalten will, ebenso. Und wer die Stadt erhalten will, erst recht. Denn ohne Schule lohnt es sich nicht mehr, in Strasburg (Um.) zu investieren — dann werden wir ein Dorf, das viel geschaffen hat, aber nichts davon mehr tragen kann.
Vergessen wir nicht, wem das alles gehört. Die Hallen, die Schulen, die Vereine, die kurzen Wege — das haben Strasburgerinnen und Strasburger über Jahrzehnte aufgebaut, mit ihrer Arbeit, ihrem Geld, ihrem Ehrenamt. Sie haben aus diesem Ort eine Stadt gemacht. Und stellen Sie sich vor, Sie gehören zur älteren Generation, haben hier fünfzig, sechzig Jahre gelebt und gearbeitet — und müssen nun zusehen, wie diese Stadt kleiner wird. Nicht, weil sie es müsste, sondern weil wir eine Chance ungenutzt ließen, die sich so schnell nicht wieder bietet.
Deshalb richtet sich diese Frage nicht an die Politik oder Verwaltung, sondern an die Strasburgerinnen und Strasburger selbst. Es geht um Ihre Zukunft, die Ihrer Kinder und die Ihrer Enkel. Wollen Sie hinnehmen, dass eine Schule aufgegeben wird, die diese Stadt zum Überleben braucht? Sind Sie bereit Kosten zu tragen, die wir durch Stabilität und Zuzug auf mehreren Schultern verteilen können?
Auch wer dem Campus heute skeptisch gegenübersteht, will diese Stadt erhalten — daran zweifle ich keinen Augenblick. Genau deshalb bitte ich alle, noch einmal in sich zu gehen. Für wen treffen wir solche Entscheidungen? Denn wer den Standort aufgibt – und die Zahlen sind momentan eindeutig - obwohl wir ihn mit den Mitteln, die wir haben, halten könnten, spart am Ende nichts. Die Kosten kämen später — höhere Umlagen, wegziehende Familien, ein Ort ohne Nachwuchs. Eine schrumpfende Stadt wird für alle teurer.
Ich werde für den Erhalt des Schulstandortes einstehen, so entschieden ich es vermag — nicht gegen irgendjemanden, sondern für die Kinder und Eltern dieser Stadt. Ich bitte Sie: Machen Sie mit!
Klemens Kowalski
Bürgermeister der Stadt Strasburg (Uckermark)

